Von der Theorie zur Praxis

4. Februar 2010

"...ICH bin der Schneemannvater!" - Bild: Angels Book

Kinder im Alter unseres Grossen entwickeln einen Hang zu Abstraktem. So ist derzeit unser Sofa ein Flugzeug und mein alter Taschenrechner ein Navigationssystem.

Auch beginnen Kinder in diesem Alter, soziale Spiele zu imaginieren wie etwa: «Wir sind eine Schneemannfamilie.» Man darf sich nicht wundern, wenn dabei die Eltern die Rolle der hilflosen Schneemannkinder einnehmen und das Kind diejenige des Schneemannvaters.

Es sei sehr wichtig, diese Fantasie zu fördern. Am besten könne man diese beflügeln, wenn man Kindern Geschichten vorlese. Das ist Musik in meinen Ohren, denn das Geschichtenlesen gehört zu unseren Lieblingsritualen.

Nachdem wir uns den ganzen Dezember lang mehr als eingehend mit der Weihnachtsgeschichte befasst haben, habe ich den Fokus im Januar auf das italienische Märchen schlechthin gelegt: «Pinocchio», den Holzbuben, der immer auf Abwege gerät. Wie herrlich, dem Grossen allabendlich unter dem Deckmantel der Gutenachtgeschichte eine Lektion in gutem Benehmen zu erteilen!

Bereits nach wenigen Abenden hatte er dieses Märchen intus, und seither hat er uns allen eine Rolle zugeteilt: Der wehrlose Kleine muss Pinocchios Part übernehmen, das Familienoberhaupt ist der brummlige, aber herzensgute Puppenspieler Mangiafuoco, ich darf zu meinem Erstaunen die sanfte türkisblaue Fee sein, und er, er sieht sich als niemand Geringeren als Spiderman!

Was läuft hier falsch? Habe ich ihm zu viele Geschichten zugemutet, seine Fantasie zu stark beflügelt? Kommt er noch draus, wer wer ist und was am Ende Realität ist?

«Papi», fragte er kürzlich während einer Fahrt, «wieso pupt ds Navi di ganz Zyt?» – «Weisch, es meint, ich faari z gschwind», flunkert das Familienoberhaupt, «aber es stimmt aso nöd.» – «Ah ja? Ich gsee aber, wie dini Nase wachsd!»

Keine Angst also, er  „checkt de Pöck“ durchaus. Zu gut sogar.

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Technologisch dranbleiben

2. Dezember 2009

"Ein echter Computer muss es sein!" - Bild: Angels Book

Unser Kleiner bedient schon lange den CD-Player und streitet sich mit dem Familienoberhaupt um die Herrschaft über die TV-Fernbedienung. Der Grosse hat diese Phase hinter sich und ist bereits der Faszination von Navigationssystemen und Computern verfallen. Schon letztes Jahr wollte er einen Computer zu Weihnachten. Dieses Jahr hat er den Wunsch gar präzisiert: Ein «echter» soll es sein, nicht so ein lächerlicher Pseudo-PC für Bubis! Und seit ich ihn in einer Spielwarenabteilung beobachtet habe, wie er ein Ausstellungsstück aufklappte und selbstverständlich den «On/Off»-Knopf gedrückt hat, frage ich mich, wohin dies alles noch führen wird.

Die Antwort auf meine Frage habe ich postwendend erhalten. Beim Lauschen einer Konversation in einer Buchhandlung. Da fragt eine Kundin, ob es hier elektronische Bücher zu kaufen gebe. Ich platze schier und denke, wie man derart von gestern sein kann. Die Verkäuferin bleibt höflich und erklärt ihr wie einem Kind, dass es neuerdings tatsächlich so E-Books gebe. «Was für Iibucks gibt es denn? Könnte ich ein spezielles bestellen?» «Wissen Sie, ein E-Book ist sozusagen ein leeres Buch.» «Ein leeres Buch? Das ist jetzt aber komisch.» «Das ist schon sinnvoll, denn die gewünschten Inhalte können Sie separat vom Internet herunterladen.» «Herunterladen? Vom Internet? Ist das nicht etwas nur für Erwachsene? Wissen Sie, ich brauche dieses Zeugs für mein Gottimeitli. Sie ist aber erst zwölf.»

Spätestens jetzt vergeht mir das Lachen. Denn mir wird klar, wohin dies alles führen wird. Diese Frau ist nur unwesentlich älter als ich, und doch wurde sie schlichtweg von einer Göre abgehängt. Ich werde nie und nimmer zulassen, dass mir dasselbe passiert. Statt dem Grossen einen Lerncomputer zu schenken und damit meinen eigenen Untergang herbeizuführen, werde ich mir ein iPhone zulegen. Wie das Familienoberhaupt. So bleibe ich auf dem Laufenden und mache ihm zudem seine «Early Adopter»-Position streitig.