Die Qual der Nichtwahl

"Stilettos oder Eisenbahn?" - Bild: Angels Book

Letzte Woche hat sich eine Journalistin im «Tages-Anzeiger» über die Arroganz von Müttern ausgelassen. Mütter gingen davon aus, dass sie das richtigere Leben führten als kinderlose Frauen, die sich noch in einer Art Provisorium vor dem Familienleben befänden. Die unerträgliche Arroganz der Mütter liege darin, dass diese keine Chance verpassten, ihre Haltung kinderlosen Frauen gegenüber unter die Nase zu binden. Bei jeder Gelegenheit schlügen Mütter in die gleiche Kerbe ein: «Wann ist es bei dir so weit?» Jedes Mal fühlten sich die kinderlosen Frauen herabgesetzt.

Mit Herabsetzung hat diese Frage kaum etwas zu tun, sondern vielmehr mit Neugier und Interesse für das Gegenüber. Das Problem ist nur, dass vermeintlich gewollt kinderlose Frauen ab einem gewissen Alter unter Verfolgungswahn leiden. Da man sich selbst ständig mit der Frage beschäftigt, ob es nicht an der Zeit wäre, ein Kind zu zeugen, und ob man dies auch mit der letzten Konsequenz wolle, hört man aus jeder ähnlich gearteten Frage stille Vorwürfe, selbst da, wo keine sind.

Der grösste Frust für vermeintlich gewollt kinderlose Frauen stellt die Konfrontation mit der eigenen Unentschlossenheit dar, mit der Unfähigkeit, einen Entscheid zu fällen, der weitreichende und unwiderrufliche Folgen hat. Mit jeder Vertagung dieses Entscheids wächst die Frustration mit der Erkenntnis, dass einem niemand die Entscheidung abnehmen wird.

Zu sehen, dass andere nicht nur den Mut, sondern vor allem die Entschlossenheit an den Tag gelegt haben, diesen einschneidenden Schritt zu gehen, nagt am eigenen Selbstwertgefühl und erhebt jede noch so höfliche Nachfrage zu einem Angriff auf die eigene Person und auf die eigene Entscheidungsfreiheit.

Genau diese steht ihnen aber im Weg, und deshalb sind vermeintlich gewollt kinderlose Frauen frustriert. Mit Arroganz von Müttern hat dies nichts zu tun.

Ihre Meinung zu diesem Thema interessiert mich – geben Sie Ihren Kommentar dazu ab! Danke.

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6 Responses to Die Qual der Nichtwahl

  1. Heinrich Linke sagt:

    Sehr geehrte Frau Angelone
    Danke, dass Sie den Tagi Artikel noch einmal so treffend bestätigt haben. Das Abstempeln einer so grossen Zahl von Frauen, die einen anderen als den für Sie als passend empfundenen Lebensweg gewählt haben, als frustriert, zeugt von einer grenzenlosen … Sie wissen ja.
    Ein schöneres Beispiel für die egozentrische Weltsicht der (Profi-)Mütter (Zum Glück gibt es ganz viele andere, die wissen, dass die Welt nicht an der eigenen Nasenspitze endet) hätte man sich kaum ausdenken können.
    Besten Dank
    H. Linke

    • Rita Angelone sagt:

      Sehr geehrter Herr Linke, vielen Dank für Ihr Feedback! Nur eine „angeregte“ Diskussion kann dazu führen, dass sich alle Seiten näher kommen und mehr Verständnis für einander entwickeln können. Von meiner Seite kann ich nur noch ergänzen, dass ich offenbar meine Botschaft nicht ganz so platzieren konnte, wie ich es gerne gewollt hätte. Ganz grundsätzlich will ich niemandem meine Werte aufdrücken, und ganz grundsätzlich bin ich ein sehr toleranter Mensch, der alle Lebensentscheide akzeptieren kann. Ich war selber lange genug auf der von mir im Artikel beschriebenen Seite: unentschlossen, unzufrieden, wankelmütig, fürchtete das Aufgeben der Freiheit etc. Gleichzeitig spürte ich doch, dass ich gerne eine Familie gehabt hätte. Diesen Entscheid fällen zu müssen/dürfen, war einer der grössten Schritte in meinem Leben. Nicht einmal im Beruf hatte ich je so viel Mühe, einen Entscheid zu fällen. Und genau das machte mich oft auch einfach grundlos hässig auf alle und auf alles. Wenn ich heute mit einer solchen Art von Frust konfrontiert werde bzw. wenn ich deswegen als arrogant beschimpft werde, dann möchte ich einfach nur meine persönliche Meinung äussern. Denn wer dürfte das nicht eher als eine, die selbst mal so pauschal über Mütter lästerte?
      Ich hoffe, Sie können mich jetzt vielleicht etwas besser verstehen. Nun grüsse ich Sie freundlich und freue mich auch weiterhin über Ihre Beiträge, die mich jedes Mal auch zum Reflektieren bringen werden!

  2. Karin sagt:

    Hallo Rita! Diese Ausgabe Deiner Kolumne ist soooo treffend! Habe mich nämlich auch über den Tagi-Artikel geärgert. Ich bin ja in entsprechenden Situationen immer versucht, einen passenden Kommentar fallen zu lassen. Aber erstens bin ich zuwenig schlagfertig und zweitens weiss man ja nie 100%ig, ob das Gegenüber vielleicht doch ungewollt kinderlos ist.
    Lese Deine Kolumne und den Blog immer noch mit Hochgenuss! Bis bald
    Karin

    • Rita Angelone sagt:

      Liebe Karin, danke für deinen Beitrag! Offenbar habe ich in ein Wespennest gestochen und zum Teil wurde ich vielleicht nicht ganz richtig verstanden. In meiner Kritik stehen nur Frauen, die zwar noch gewollt kinderlos sind, aber dann doch irgendwie unzufrieden darüber sind. Du weisst ja genau, was ich meine. Leider haben sich auch ungewollt kinderlose Frauen kritisiert gefühlt, was natürlich nie meine Absicht war. Ich bin drum sehr froh, dass du meine Kolumne richtig interpretiert hast und dass du genau das gleiche fühlst. Ich freue mich, dich und die Mädchen bald wieder zu sehen!

  3. Peli sagt:

    Du hast a)den ursprünglichen Artikel gar nicht verstanden und b)bestätigst tatsächlich alle Aussagen darin, indem du sofort anfängst, kinderlosen Frauen Frustration zu unterstellen.
    Sorry, aber arrogant paßt hervorragend.

  4. Andrea Mordasini, Bern sagt:

    Liebe Frau Angelone

    Besten Dank für Ihren Bericht, Sie bringen es auf den Punkt! Den unter anderem im „Mamablog“ auf http://www.tagesanzeiger.ch erschienenen provokativen Artikel von Bettina Weber sowie die zum Teil sehr kinder- und familienfeindlichen Kommentare einiger Leser und leider auch Leserinnen habe ich als zweifache Mutter mit grossem Befremden und Kopfschütteln gelesen.

    Die Bemerkung, dass Bettina Weber, die Autorin von „Die Arroganz der Mütter, kinderlos ist, wäre nicht nötig gewesen. Man merkt es auch so… Sie scheint (momentan) ziemlich frustriert zu sein. Ob neben Frust wohl auch ein wenig Neid dahinter steckt?

    Ich verstehe diese Diskussion „Mütter gegen Kinderlose“ überhaupt nicht! Es soll doch jede/jeder das Leben leben dürfen, was ihm/ihr am besten behagt – und fertig. Wo liegt das Problem? Ich habe einfach grosse Mühe, wenn pauschalisiert und alle und jeder in ein und denselben Topf geworfen werden. So wie es bei den Müttern arrogante Menschen gibt so gibt es sie bei den Kinderlosen.

    Ja, ich bin Mami zweier Kleinkinder im Alter von 3 und 1,5 Jahren und stolz, glücklich und dankbar. Ja, ich stehe zu diesen Gefühlen, zeige sie und rede auch gerne darüber. Mich und andere Mütter deswegen als arrogant zu bezeichnen ist eine Frechheit – und arrogant! Die Kinder gehören nun mal zu meinem Alltag, zu meinem Leben – ja sie bestimmen es und bilden den eigentlichen Mittelpunkt! Das ist nun einmal so und wird noch lange so bleiben. Was bitte soll daran nun so schlecht sein?! Die Kinder lassen sich nun mal nicht einfach so wegzappen, nur weil sie jemandem nicht in den Kram passen.

    Zum Glück ist mein Umfeld, bestehend aus Kinderlosen und Eltern, sehr kinderfreundlich. Zusammen mit den Kindern bin ich gerne gesehen. Meine Freunde, Bekannten und Kollegen interessieren und fragen gerne nach dem Nachwuchs. Dementsprechend darf ich ohne Hemmungen über die Kleinen und die damit verbundenen Freuden und Sorgen sprechen. Und so wie mir zugehört wird, so interessiere ich mich andererseits für die Belange und die Nöten der Kinderlosen, wenn sie mir ihre Probleme mit dem Job, Stress mit dem Chef etc. erzählen. Es ist mir wichtig, auch die Kontakte zu Kinderlosen aufrecht zu erhalten. Schliesslich waren ihre Sorgen einst auch meine. Es ist zwar nicht mehr möglich sich so spontan und regelmässig zu treffen. Hauptsache ist doch, dass man dafür Verständnis hat, sich noch sieht und die Kontakte nicht abbrechen lässt! Man muss halt ein wenig flexibel sein 😉

    Natürlich diskutiere ich mit Kinderlosen nicht zwingend dieselben Probleme wie mit Gleichgesinnten und Betroffenen. Ob mein Ältester nun zweimal am Tag aufs Töpfchen geht interessiert so wenig wie ob die Jüngste durchgeschlafen hat oder nicht ;-). Dies alles ist eine Frage des gesunden Menschenverstandes, nicht mehr und nicht weniger… Zudem bombardiere ich meine Gegenüber nicht bei der erstbesten Gelegenheit ungefragt mit den neusten Schnappschüssen der Jungmannschaft und halte meinen Freunden das Fotoalbum unter die Nase ;-).

    Obwohl die Kids mein Leben bestimmen, sind sie nicht das einzige. Auch ich geniesse mal einen Abend ohne Kids, freue mich jede Woche auf den einen Arbeitstag. Auch mir tuts gut, ab und zu über anderes zu sprechen als Windel, Schoppen, Kinderkrankheiten etc. Als vielseitig Interessierte kommen bei mir auch Themen zu Politik, Sport etc. nicht zu kurz.

    In einem Punkt pflichte ich Frau Weber jedoch bei. Nichts ist, vor allem für Kinderlose mit unerfülltem Kinderwunsch, schmerzlicher als die nervige Fragerei nach dem „wann und obs denn jetzt endlich soweit sei“. Mir käme es jedenfalls nicht in den Sinn, auch gute Freundinnen, mit diesen Fragen zu belästigen. Schliesslich weiss man ja selten wieso es nicht klappt mit dem Nachwuchs. Ich spreche da auch aus eigener Erfahrung, gehöre ich doch mit knapp 35 beim ersten und gut 36 beim zweiten Kind eher zu den Spätgebärenden. Auch mir gingen diese Fragen mit der Zeit auf den „Wecker“. Es gelang mir jedoch, darüber zu stehen und mir ein dickes Fell zuzulegen. So gab ich meistens nur trocken zur Antwort: „Ihr erfahrt es schon noch, wenn so weit sein sollte“. Mit dieser Taktik hatte ich mehr oder weniger Erfolg.

    So ist mein Motto dann auch: Leben und leben lassen – mehr Mit- und Füreinander statt Gegeneinander! Mit ein wenig mehr Toleranz, ein bisschen mehr Rücksicht, etwas mehr Respekt, einer Handvoll mehr gesundem Menschenverstand, einer Prise mehr Gelassenheit und einer Portion mehr Lockerheit auf Seiten der Eltern UND der Kinderlosen – und das Leben mit und ohne Kinder kann friedlich, spannend und erfüllend sein 🙂

    Andrea Mordasini, Bern

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