Die Dolce-far-niente Lüge

Auf richtige Familienferien haben wir lange gewartet. Unsere Devise: nicht zu früh weit weg fahren und die Kinder vor unnötigem Stress bewahren.

In Wahrheit gings uns weniger um die Kinder als um uns selbst. Die hart erarbeiteten Ferien gegen Ärger und Nervenkrieg tauschen? Nein, Danke! Lieber zu den notorischen Ferienhorter zählen und die kostbaren Tage für bessere Zeiten aufsparen. Diese glauben wir nun endlich angebrochen! Nicht nur die Kinder, sondern auch unser Nervenkostüm sind unterdessen so stabil, dass wir das Abenteuer Ferien optimistisch angehen können. Italien, wir kommen!

Doch kaum sitzen wir in der Morgendämmerung im Auto, bröckelt auch schon das Bild entspannter Ferien. Statt mit schlafenden Kindern die Reise dösend auf dem Beifahrersitz zu starten, äfft der bereits hellwache Grosse ununterbrochen die Stimme aus dem Navigationssystem nach. Meine Bitte an das Familienoberhaupt, das Gerät abzustellen, da wir beide den Weg kennen, hat gegenüber seiner Leidenschaft für Technik keinen Stich. Fast schon hörig verzeiht er dem Gerät sogar, in noch bekannten Gefilden mangels aktuellen Baustellendaten auf eine Ehrenrunde gelotst zu werden. Die verlorene Zeit wird er später durch das Streichen eines Toilettenstopps wieder wettmachen wollen.

Das in der Folge doch leicht angekratzte Vertrauen in die akribisch angebrachten Kästli und Käbeli kompensiert er mit regelmässigen Aufträgen, die Anweisungen der Stimme mit der „Italia Sud“-Karte zu überprüfen. Zu Befehl! Für das Wohl meiner Familie mache ich alles! Auch tausend Kilometer rückwärts fahren, um dem Kleinen laufend Wasser zu reichen und den Grossen jetzt mit lächerlichen Einlagen vom Schlafen abzubringen. Wehe, der hart erkämpfte Schlafrhythmus ist dahin!

In meinen Träumen hätten diese Ferien eine Reise zu meinen Wurzeln, zurück in meine eigene unbeschwerte Kindheit werden sollen. In Tat und Wahrheit ist es eine Reise in den ganz normalen Familienalltag. Addio, dolce vita! Auf Nimmerwiedersehen.

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